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Franchise-Journal

Interviews aus dem Franchising

Interview mit Prof. Veronika Bellone zum Thema Schweiz

Frau Prof. Veronika Bellone ist Inhaberin der Bellone FRANCHISE CONSULTING GmbH und seit 1986 im Franchise-Business tätig. Sie ist Professorin für Marketing und Gastdozentin an diversen Hochschulen und Universitäten zum Thema Franchising und Marketing. Als Autorin widmet sie sich in zahlreichen Publikationen – darunter ihr neu erschienenes Buch „Praxisbuch Franchising – Konzeptaufbau und Markenführung“ –  den Themen Franchising, Marketing und Trends.


FranchisePORTAL: Hallo Frau Prof. Bellone, die Deutschen gelten nicht gerade als die enthusiastischsten Gründer. Wie ist denn das Gründungs-Klima in der Schweiz?

Prof. Veronika Bellone: Schweizer/innen sind sehr initiativ. Wir haben im ersten Halbjahr bereits über 20.000 Neugründungen gehabt, das sind ca. 8% mehr als im Vorjahr. Gesamthaft gibt es ca. 312.000 KMU in der Schweiz, die ebenso wie in Deutschland 99.6% der gesamten „Unternehmens-Landschaft“ ausmachen.

Für Existenzgründer/innen ist vielerorts strukturell gut gesorgt mit so genannten Technoparks und Jungunternehmer/innen-Zentren, die bezüglich Gründungs-Know-how  und kostengünstiger Vermietung entsprechender Räumlichkeiten inklusive Büro-Services glänzen.
 
Ich war vor Jahren Präsidentin der Jungunternehmer-Vereinigung Zentralschweiz und darf sagen, dass Schweizer/innen nicht nur initiativ, sondern auch sehr innovativ sind. Das Claim von Ricola „Wer hat’s erfunden“ – ist nicht weit hergeholt.


FranchisePORTAL: Wie renommiert ist Franchising eigentlich in der Schweiz? Würden Sie es als beliebten Weg in die Existenzgründung bezeichnen?

Prof. Veronika Bellone: Franchising ist nicht die erste Option für die berufliche Selbstständigkeit. Wenn man die Schweizer Mentalität ein wenig kennt – ich selbst bin Doppelbürgerin Deutsche und Schweizerin – dann wird man schnell gewahr, dass Unabhängigkeit und Selbstbehauptung wichtige Themen sind. Das steht dem Franchising auf den ersten Blick nicht besonders harmonisch gegenüber. Da erfolgreiches Franchising aber von engagierten Franchise-Nehmern und -Nehmerinnen getragen wird und eine gesunde Auseinandersetzung verbunden mit Ideenreichtum der Partner/innen das Franchise-Konzept weiterentwickelt, bergen diese Eigenheiten natürlich auch Chancen.

Franchise-Geber/innen müssen sich hierzulande auf kritische Kandidaten/Kandidatinnen einstellen, die mit Fakten überzeugt werden wollen und das nicht nur zu Beginn der Partnerschaft, sondern fortdauernd. Dafür sind sie im Gegensatz zu Franchise-Partner/innen in Deutschland ein Stück weit loyaler und zeigen Kontinuität und Durchhaltevermögen.

Anfeindungen dem Franchising gegenüber gibt es ebenso wie in Deutschland. So habe ich zur Aussage eines bekannten Schweizer Unternehmers, dass „Franchising moderne Sklaverei sei“  öffentlich bereits Stellung nehmen dürfen. Interessant ist, dass es das Unternehmen mittlerweile nicht mehr gibt. So stellt sich immer die Frage nach der Projektion: „Was ich selber denk’ und tu’ – das trau ich auch anderen zu“.


FranchisePORTAL: Welche Besonderheiten der Schweiz bergen besondere Schwierigkeiten für die Franchise-Expansion?

Prof. Veronika Bellone: Die Schweiz ist mit 7,8 Mio. Einwohnern überschaubar, aber wie gesagt, nicht zu unterschätzen. Gemäß der Studie von Mercer SA gehören im Jahre 2010 die Städte Zürich, Genf und Bern international zu den Top Ten mit der höchsten Lebensqualität.

Das Qualitätsempfinden ist ausgeprägt. „Klasse statt Masse“. Das Konsumverhalten ist anders. Sie werden hier z.B. sehr viel weniger  Snack- und Take-away-Systeme finden, weil das Essen einen hohen Stellenwert hat und eher zelebriert wird.

Zudem gibt es in der Schweiz eine Konzentration auf einige, wenige Ballungsgebiete.
Bezüglich der Kennzahlen und interessanter Untersuchungen empfehle ich Ihnen die Website des Bundesamt für Statistik www.bfs.admin.ch.


FranchisePORTAL: Kennen Sie erfolgreiche Franchise-Systeme aus der Schweiz, die im Ausland für Furore gesorgt haben?

Prof. Veronika Bellone: Unter anderem Mövenpick Marché, Kiosk AG, Kieser Training, ParaMediForm bzw. Ideaform, Calida, Wigasol, Zaunteam, die teils namentlich sicher bekannt sind. Es kommen neue an den Start, die wir auch beraten und in sehr interessanten Branchen wie Mobilität und Gastronomie zu Hause sind.


FranchisePORTAL: Die Schweiz ist ja ein mehrsprachiges Land. Welche Herausforderungen sehen Sie hier für Franchise-Systeme?

Prof. Veronika Bellone:  Ich war die Mitbegründerin des Franchise-Window, einer Initiative der amerikanischen Botschaft in Bern. Wir haben damit geworben, dass die Schweiz „The most European Country“ ist. Das liegt einerseits an der Mehrsprachigkeit mit „Brückenfunktionen“ zu Italien und Frankreich. Andererseits haben wir einen sehr hohen Ausländeranteil mit ca. 23 Prozent. Das birgt Vorteile, in dem verschiedenste Kulturen in einem überschaubaren Rahmen kennen gelernt und analysiert werden können. Das bedingt selbstverständlich, dass man sich darauf einlässt und einerseits die Unterschiede der Deutschschweiz, des Welschlandes (franz. Schweiz) und des Tessin (ital. Schweiz) berücksichtigt. Sowohl sprachlich wie auch volumenmäßig. Das heißt, dass die Informationen über die Unterschiede und der Akzeptanz des Systems auch ausgewertet werden müssen. Sieht man diese Herausforderung als Chance, dann ist man nicht nur gut gerüstet für die Expansion in der Schweiz, sondern auch für den Eintritt nach Italien und Frankreich.


FranchisePORTAL: Frau Prof. Bellone, worauf sollten deutsche Franchise-Systeme achten, wenn sie in die Schweiz expandieren wollen?

Prof. Veronika Bellone:  Dass es effektiv Unterschiede gibt – auch sprachlich. Selbst wenn man sich auf die Deutschschweiz konzentriert, so muss man sich speziell bei der Vermarktung des Systems wie des Leistungsangebotes darauf einstellen. Mein Tipp: Weniger plakativ – eher auf Understatement setzen.

Dadurch, dass die Schweiz nicht in der EU ist, gibt es z.B. Abklärungen betreffend Import/Zoll etc. Ich empfehle deutschen bzw. allgemein ausländischen Franchise-Gebern und -Geberinnen sich persönlich ein Bild von der Schweiz und der eigenen Branche im Land zu machen. Denn die Alleinstellungsmerkmale des Systems müssen hier länderspezifisch angepasst werden.

Sehr wichtig ist die Analyse der Kostenstruktur. Infrastruktur- Lebenshaltungs- und Personalkosten sind hier um einiges höher – dafür sind auch höhere Umsätze möglich. Nur hat diese Situation einen deutlichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeitsberechnung und das strategische Vorgehen. Eine Aufteilung  des Marktes nach Landessprachen ist zwar marketingmäßig wichtig, aber wirtschaftlich verträgt es in der Regel nicht 3 Masterpartnerschaften. Der Vorteil ist, dass sehr viele Schweizer/innen mehrsprachig sind und damit die Expansion in alle „drei Wirtschaftsräume“ gewährleisten können.

Für den direkten Einstieg mit Regionalpartnern ist der höhere Betreuungs- und Adaptionsaufwand für die Systemzentrale zu berücksichtigen – der allerdings immer bei dieser Expansionsform anfällt.  

Natürlich begleiten wir mit unserer Beratungsfirma Franchise-Unternehmen, die auf dem Schweizer Markt Fuß fassen wollen.


FranchisePORTAL: Frau Prof. Bellone, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.

 

29.08.2011 ©copyright FranchisePORTAL

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