Herr Dr. Marc Evers ist bereits seit 2002 Leiter des Referats Mittelstand und Existenzgründung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) e.V. und gibt in diesem Interview seine Ansichten und Erfahrungen zur Existenzgründung im Nebenerwerb wieder.
FranchisePORTAL: Herr Dr. Evers, was halten Sie für die
Hauptargumente für oder gegen eine Existenzgründung im Nebenerwerb?
Dr. Marc Evers: Manchmal lohnt es sich, erst einmal
klein zu starten. So kann man ausprobieren, ob die Geschäftsidee am Markt trägt
und verfügt als Rückfallposition immer noch über die hauptberufliche
Erwerbstätigkeit. Im Dienstleistungsbereich könnte man z. B. seinen Service erst
einmal nur vormittags oder nur nachmittags anbieten. Es kommt jedoch
entscheidend auf die Kundenbedürfnisse an: Wenn die Kundschaft Flexibilität
wünscht, ist möglicherweise der Schritt zur selbstständigen Vollexistenz
angezeigt. In manchen Branchen ist eine Selbstständigkeit im Nebenerwerb kaum
denkbar. Wer etwa ein Hightech-Projekt starten will, sollte eine lange
Vorlaufzeit bis zur Geschäftsreife und einen hohen Kapitalbedarf einkalkulieren.
Dies erfordert, mit seiner Produktidee zu leben, immer seinen Finger am Puls des
Marktes zu haben und auch schwierige Verhandlungen mit Kunden und Kapitalgebern
zu führen. Dies lässt sich kaum in Teilzeit erledigen.
FranchisePORTAL: Ist die Existenzgründung im Nebenerwerb
risikoarmer als eine Gründung im Vollerwerb?
Dr. Marc Evers: In dieser Pauschalität: Nein. Auch eine
Nebenerwerbsgründung kann viel Startkapital erfordern und das Budget stark
beanspruchen. Zum Beispiel IT-Serviceangebote. Ob halbtags oder ganztags: Sie
brauchen eine professionelle PC-Infrastruktur, eine professionelle Website,
möglicherweise zusätzlich zum Privatauto einen Firmenwagen. Banken und andere
potenzielle Finanzpartner verlangen sauber kalkulierte Businesspläne, die das
Risiko nicht unterschätzt darstellen. Ein gewisser Puffer für die private
Lebenshaltung kann die parallele Vollerwerbsgründung sein. Doch wer pleitegeht,
muss seine Gläubiger bedienen – ob Voll- oder Nebenerwerb.
FranchisePORTAL: Machen sich Ihrer Erfahrung nach
besonders viele (Haus-)Frauen im Nebenerwerb selbstständig, um Familie und
berufliche Herausforderung unter einen Hut zu bekommen?
Dr. Marc Evers: Diese Beobachtung machen die Industrie-
und Handelskammern. Im Jahr 2008 haben sich bei den IHKs 125.000 Frauen zur
unternehmerischen Selbstständigkeit erkundigt. Dies sind 7 Prozent mehr als 5
Jahre zuvor. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der gründungsinteressierten
Männer um 18 Prozent zurück – auf 195.000. Insgesamt sind schon etwa 40 Prozent
aller Gründungsinteressierten weiblich. Viele wollen erst einmal eine
Selbstständigkeit im Nebenerwerb angehen, um Familie und Beruf besser zu
vereinbaren. Doch mehr und mehr Frauen streben die unternehmerische Vollexistenz
an, um finanziell und beruflich unabhängig zu sein.
FranchisePORTAL: Würden Sie eine Gründung im Nebenerwerb
mit einem Franchise-System als doppelt abgesichert bezeichnen?
Dr. Marc Evers: Der Grad an Sicherheit ist abhängig von
der persönlichen Finanzsituation, dem notwendigen Kapitaleinsatz für die
Franchise-Gründung, dem Kundenkreis und den Anforderungen des Franchise-Gebers.
Jeder Gründer sollte abwägen, welches Risiko er tragen will und sich
dementsprechend das für ihn passende System aussuchen. Aber für jede
Selbstständigkeit – auch im Franchise-Bereich – gilt: Zur Chance, Gewinne zu
erzielen, gehört auch das Risiko, Verluste zu fahren und sogar das Unternehmen
aufgeben zu müssen. Eine Selbstständigkeit ohne Risiko gibt es nicht.
FranchisePORTAL: Ist eine Gründung im Nebenerwerb mit
Franchising im Hinblick auf eine möglichst geringe Zeitinvestition besonders
sinnvoll? Schließlich nehmen die System-Zentralen großer Systeme ihren Partnern
einiges an Bürokratie ab.
Dr. Marc Evers: Damit ist aber zumeist auch eine Einbuße an
unternehmerischer Gestaltungsmöglichkeit verbunden. Auch hier gilt es, abzuwägen
und sich für das richtige System zu entscheiden.
FranchisePORTAL: Vielen
Dank für das Gespräch!
03.03.2010 © FranchisePORTAL
(vi)