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Franchise-Journal

Interviews aus dem Franchising

FRANNET - Alexandr Horch, Berater

Derzeit leben in Deutschland rund 3,5 Millionen russischsprachige Bürger, deren junges Durchschnittsalter und starke Konsumbereitschaft hierzulande bisher wenig Beachtung gefunden hat. Laut einer Presseerklärung der KfW Bankengruppe summieren sich die Gründungen der aus Osteuropa stammenden Mitbürger mittlerweile auf gut 30%.


 
Herr Horch, was zeichnet  Bürger aus dem russischsprachigen Raum besonders aus?
Junge Deutsche, die in russischsprachigen Ländern aufgewachsen und nach Deutschland ausgewandert sind, besitzen einerseits ein hohes Maß an Integrations- und Anpassungsfähigkeit, aber gleichzeitig auch eine beachtliche Durchsetzungsfähigkeit. Ich meine damit eine soziale Kompetenz, die das individuelle Handeln auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet. Diese Fähigkeiten wurden durch das sozialistische System geprägt, in dem wir aufgewachsen sind und welches die Erreichung des „kommunistischen Wohlstandes“ vor das Wohl des Einzelnen stellte. Andererseits haben wir das Risiko auf uns genommen, alles hinter uns zu lassen und zum Teil wieder von ganz von vorn anzufangen. Wir haben es geschafft, wir sind hier und fühlen uns wohl in Deutschland. Manchmal sind wir aber auch ein bisschen zurückhaltend. Dies spiegelt sich besonders in unserer älteren Generation wider und resultiert aus den damals geltenden Menschenrechten der ehemaligen Sowjetunion. So bleiben einige sprachlich und kulturell unter sich. Je mehr Menschen sich von diesen alten Umständen verabschieden, desto besser für das Gesamtwohl unserer Gesellschaft hier in Deutschland.


 
Inwiefern sind diese Eigenschaften geeignet, um erfolgreich selbstständig zu sein?
Natürlich, wenn wir jetzt über die Existenzgründung mit Schwerpunkt Franchising reden, bin ich überzeugt, dass unsere Kombination an Fähigkeiten eine große Bereicherung für jedes Franchisesystem ist. Die Fähigkeit sich anzupassen, Risiken einzugehen und für das eigene Geschäft zu kämpfen sind viel gesuchte Anforderungen an einen Franchise-Interessenten. Jedes nach den Prinzipien des Business Format Franchise aufgebaute Franchise-Unternehmen verfolgt das Ziel, ertragreiches Wachstum über das Wohlergehen der Franchise-Nehmer für das System zu generieren. Diese gegenseitige Abhängigkeit als Voraussetzung für Erfolg macht heutzutage die Attraktivität der Franchisewirtschaft überall in der Welt aus. Ich sehe auch hier das große Potential für deutsche Franchise-Systeme, die sich auf dem Markt in der ehemaligen Sowjetunion etablieren wollen. Dafür gibt es gute Voraussetzungen.

 

In welchen Berufsfeldern sind diese russischsprachigen Bürger besonders an Existenzgründungen interessiert?
Im Handel, Handwerk, Logistik und anderen personenorientierten bzw. haushaltsnahen Dienstleistungen. Bereiche der realen Wirtschaft, die dringend die guten Köpfe und die frischen Hände in der jetzigen Situation brauchen. Viele haben eine deutsche Ausbildung hinter sich, aber können sich als Arbeitnehmer im Betrieb aus verschiedenen Gründen nicht behaupten. Daher bietet die Selbstständigkeit in einem Franchise-System mehr Möglichkeiten für die Realisierung ihrer Träume als ein Angestelltenverhältnis.


 
Wie hoch schätzen Sie die Bereitschaft der Bürger aus den GUS-Staaten sich mit einem  Franchisesystem selbstständig zu machen ein?
Sehr hoch und es gibt dafür auch schon einige gute Beispiele. Allerdings habe ich schon am Anfang erwähnt, dass viele sprachlich unter sich bleiben, obwohl sie sehr gut deutsch oder englisch sprechen. Manchmal bevorzugen sie russischsprachige Medien in allen Varianten, insbesondere dann, wenn es um schwierige Sachverhalte geht, wenn sie die „Traditionen“ pflegen oder auf „Erinnerungen“ zurückblicken. Leider gibt es tatsächlich nur sehr wenige Informationen über das Franchising als Existenzgründungsform in russischer Sprache. Man weiß aber, wo ein Informationsvakuum besteht, breiten sich Gerüchte aus. Wir arbeiten jetzt daran dieses Informationsvakuum mit dem branchenspezifischen Stoff auf russisch zu füllen. Das tut nicht nur uns als Beratungsunternehmen gut, sondern auch der gesamten Franchisewirtschaft in Deutschland.

 

Gibt es bereits deutsche Franchisesysteme, die gezielt russischsprachige Bürger ansprechen?
Ich würde nicht sagen, dass in Deutschland befindliche Franchise-Systeme gezielt russischsprachige Bürger ansprechen. Es gibt sogar nur sehr wenige Systeme in denen russischsprachige Deutsche als Franchise-Nehmer oder als Arbeitnehmer in der Zentrale tätig sind.

 

Dieses Segment ist aber hochinteressant, weil gut ausgebildete Handwerker, Angestellte und Manager gelernt haben Chancen wahrzunehmen, wenn man sie ihnen in zugänglicher Form anbietet. Diese Leute bringen viel mehr Potential mit, als bis jetzt angenommen wurde.


 
Wie können Franchisegeber von der Zusammenarbeit profitieren?
Marketinguntersuchungen zeigen eine hohe Kaufbereitschaft und extrem niedrige Sparquote bei russischsprachigen Bürgern. Experten schätzten eine jährliche Kaufkraft in Höhe von ca. 35 Mrd. Euro. Wer dieses Potential nicht wahrnimmt, muss blind sein! Vor diesem Hintergrund wird Ethnomarketing zur Zeit in Deutschland neu entdeckt und Werbung oder spezielle Beratung wird nicht nur auf deutsch, sondern auch auf türkisch oder russisch angeboten. Und es stellt sich die Frage, warum sollen Franchise-Systeme davon nicht profitieren?

 

Gibt es auch Bereiche in denen die Zusammenarbeit, gründend auf kulturellen Unterschieden, vielleicht schwierig sein könnte?
Ich glaube nicht. Wenn tatsächlich Defizite vorhanden sind, muss man Wege finden, diese zu kompensieren. Wenn man handwerklich nicht geschickt ist, kann man Handwerker einstellen und diese führen, wenn man nicht so gut verkaufen kann, kann man über ein Ladengeschäft Kunden gewinnen. Generell gilt: wenn man etwas nicht kann, kann man es lernen. Wichtig ist sich selbst gut einzuschätzen, sich den neuen Situationen anzupassen und sich selbst immer wieder zu verändern.

 

Nehmen Sie die letzte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über Integration in Deutschland. Sie zeigt, dass die Dynamik der Integrationsleistung am besten bei den russischsprachigen Bürgern ausgeprägt ist. Das heißt, wir respektieren die Gesellschaft, sind bereit zu lernen und bringen eine hohe Leistungsbereitschaft in unsere neue Heimat mit. Wir sehen uns als Deutsche und wollen hier erfolgreich sein. Eigenschaften, die für eine gute Zusammenarbeit überall absolut notwendig und unverzichtbar sind. Ich denke, dass das Einwandern in ein fremdes Land schon an sich viel Pioniergeist, Mut, Risikobereitschaft, Flexibilität, Respekt und Lernbereitschaft erfordert; und das nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt.  

 

Dieses Interview können Sie auch in russischer Sprache nachlesen. Bitte klicken Sie hier.

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